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"Clara sei Dank" - Schumann-Klavierzyklus (Konzerte)

Schumann: Klavierkonzert / Grimaud  (CD)

Donizetti: Lucie de Lammermoor (DVD)

Bizet: Carmen  (DVD)

Gounod: Romeo et Juliette  (DVD)

Schubert: Die Winterreise  (Betrachtung)

KURZGESCHICHTEN  (Monatszeitschrift)


"Clara sei Dank" - Schumann-Zyklus 2007 der Bayer-Kulturabteilung

Es war eine erstaunlich gute Idee der Bayer-Kulturabteilung, zum Schumann-Jahr einen Klavier-Zyklus ins Leben zu rufen, der primär an Clara Schumann erinnern sollte und daher die Überschrift „Clara sei Dank“ führte. Folgerichtig wurden dazu sechs internationale Pianistinnen verpflichtet, - erstaunlich, welch hochkarätige Künstlerinnen dabei zu finden waren. Die Konzerte gab es gleich im Dreierpack, nämlich an drei Abenden: im firmeneigenen Saal des Erholungshauses (Leverkusen), in der Redoute in Bonn und in der Stadthalle Wuppertal. Höchst erstaunlich auch, zu welch moderatem Preis dieses Kulturereignis angeboten wurde. Der gesamte Zyklus kostete bescheidene 76,50 Euro.

Zur Einstimmung gab es eine zusätzliche Veranstaltung: Andrea Witt und Bernd Kuschmann lasen gekonnt aus dem Briefwechsel zwischen Clara Wieck-Schumann und Robert Schumann, aufgelockert durch diverse Klavierstücke, dargeboten von dem französischen Pianisten Francois-René Duchable. Dessen Auswahl beschränkte sich leider nicht auf  zur Lesung adäquate Kompositionen der Schumanns, sondern ließ auch Chopin, Liszt, Schubert und Brahms erklingen, was sich allenfalls stimmungsmäßig, jedoch kaum musikgeschichtlich erklären ließ. Das ansonsten informative Programmheft lieferte dazu auch keine Erklärung.

Den erste Klavierabend - vom Veranstalter als „Clara 1“ betitelt - bestritt die bekannte türkische Pianistin Idil Biret. Sie wusste durch ihr einfühlsames, diszipliniertes Spiel zu überzeugen, allerdings auch nicht zu überraschen. Herausragend war ihre Darbietung der „Variationen über ein Thema von Robert Schumann, op. 19“, komponiert von Johannes Brahms. Ihr Schumann rückte hin und wieder etwas fragwürdig in Chopin-Nähe.

Auch „Clara 2“ - die französische Pianistin Claire-Marie Le Guay, die zusammen mit dem spielfreudigen Mandelring-Quartett auftrat - bestritt den zweiten Teil des Abends mit Brahms, nämlich seinem Klavierquintett f-moll, op. 34. Vor der Pause dieses Kammermusik-Abends erklang Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur, op. 44. - Das engagiert, präzise und voller Begeisterung dargebotene Konzert riss die Zuhörer zu Recht zu Beifallsstürmen hin. Ein kammermusikalisches Ereignis und ganz gewiss ein Höhepunkt dieses Zyklus.

Wer „Clara 3“ - die philippinische Pianistin Cecil Licad bereits kannte, kam - wie ich - eventuell mit höchsten Erwartungen, zumal die teuflische „Toccata“, die „Kreisleriana“ und - eine kleine Sensation! - die weitgehend unbekannte, knorrige „Sonate f-moll, op. 14“ auf dem Programm standen. Und Frau Licad enttäuschte nicht, aber angesichts so hoher Erwartungen vermochte sie auch nicht sonderlich zu überraschen. In den Zugaben demonstrierte sie ihr fulminantes technisches Können, was dem Publikum gefiel, dem Thema „Schumann“ allerdings nicht so ganz gerecht wurde. Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Abends wurde das Instrument nachgestimmt, - was im Effekt angenehm auffiel ...

Professorin Ragna Schirmer war „Clara 4“. Wie man es von ihr kennt und wie man es an ihr schätzt, gab sie zu den von ihr dargebotenen Musikstücken kurze, allgemein verständliche Erläuterungen. Als Hauptwerk des Abends brachte sie mit viel Kraft und einem zum Orchestralen neigenden Klang die „Symphonischen Etüden, op. 13“ zu Gehör. Wieder bestätigte sie eindrucksvoll, dass sie in Deutschland zu unseren besten PianistInnen gehört.

Und dann kam „Clara 5“, die junge rumänische, weitgehend noch unbekannte Mihaela Ursuleasa. Um es vorweg zu sagen: Dieser Abend wurde zum Highlight in dem ganzen Zyklus. Nach drei kürzeren Stücken Clara Schumanns folgten in musikalischer Logik die „Davidsbündlertänze, op. 6“ (Eingangsthema = Thema aus dem zuvor gehörten Clara-Schumann-Stück) Danach spontane, wohlverdiente Bravo-Rufe. Nach der Pause stand ein - wenn nicht das! - Hauptklavierwerk Robert Schumanns auf dem Programm, die „Fantasie C-Dur op. 17“. Welch eine Tiefsinnigkeit der Interpretation, welch ein Reichtum an Klangfarben, welche Durchsicht und zugleich welch ein Zusammenhalt der Struktur! Ernsthaftigkeit und Ausdrucksstärke ihres Klavierspiels erinnerte an Claudio Arrau. Hoffentlich bleibt dieses musikalische Genie sich selber treu und driftet nicht ab in die Konsumklassik derzeit von Funk und Presse hochgejubelter Klaviertiger!

Einen würdigen Abschluss gestaltete als „Clara 6“ die aus Kanada stammende Angela Hewitt. Die passionierte Bach-Interpretin vermochte auch mit Schumann zu überzeugen. Das in den vorangegangenen Abenden oft mit viel schwieriger Schumann-Kost strapazierte Publikum versöhnte sie durch die melodisch eingängigeren „Kinderszenen“, die „Humoreske“ und die "1. Klaviersonate op. 11".

Zu dem ganzen Zyklus bleibt zum Schluss nur eines zu sagen: BRAVO - DA CAPO ! 


Schumann: Klavierkonzert a-moll, Hélène Grimaud

Und wieder eine CD mit dem Schumann-Konzert!, dachte ich, als ich von der Neueinspielung mit der inzwischen sehr populären, in Frankreich geborenen, aber international tätigen Pianistin Hélène Grimaud hörte. Da mich diese Künstlerin aber zuvor schon einige Male durch ihr kraftvolles, akzentuiertes und emotional geprägtes Klavierspiel überrascht hatte, war ich neugierig und bestellte mir die CD. Und war beim ersten Hinhören begeistert.

Doch habe ich im Laufe meines Lebens lernen müssen, nicht blindlings meiner ersten Begeisterung zu vertrauen. Also habe ich Vergleichs-Einspielungen mit hochkarätigen Wettbewerberinnen zu Rate gezogen, nämlich die von mir besonders hoch geschätzte Portugiesin Maria Joao Pires und die deutsche Dozentin Heidrun Holtmann. Zu erkunden galt es, ob die Grimaud wirklich zu diesem Schumann op. 54 etwas Eigenes und Konservierungswürdiges zu sagen hat.

Robert Schumanns einziges Klavierkonzert hat drei Sätze. Der erste, „Allegro affettuoso“ überschrieben, beginnt mit einem Orchester-Tutti, einem Vulkanausbruch gleich, gefolgt von absteigenden Klavierakkorden in ... Ja, in was? Hier schon wird der Interpret seine persönliche Auffassung offenbaren müssen. Pianistisch korrekt und zugleich brillant agiert Heidrun Holtmann (leider vom Orchester nicht sonderlich unterstützt) mit den unterdrückten Emotionen einer grandiosen Dozentin. Man bewundert ihr Können und ist innerlich nur wenig berührt. Ganz anders Maria Joao Pires: sensibel, verhalten, sehnsuchtsvoll und unendlich traurig scheint sie jedem Ton nachzulauschen. Der fahle Dialog mit der Klarinette hat etwas Unwirkliches, Geheimnisvolles, Mitternächtliches.

Und was macht die Grimaud? – Der Eruption des Beginns lässt sie nach den dramatisch gehämmerten Akkorden Takte der Ruhe folgen, die hier nichts Trauriges, sondern eher Tröstliches vermitteln. Und so erleben wir auch den ganzen ersten Satz in spannender Erregung, in vorwärts drängender Dramatik, kontrastierend mit schön ausgespielten ruhigen Passagen, die eher versöhnlich und zuversichtlich stimmen. Unterstützt wird diese vor Energie strotzende Interpretation durch das offenbar tiefe Verständnis zwischen Orchester und Solistin. Interessante Akzente weiß die Grimaud auch diesmal zu setzen, wobei ihr die große Kraft ihrer linken Hand wieder mal gute Dienste leistet.

Was bisher zu den Auffassungen der drei Interpretinnen gesagt wurde, gilt jeweils auch für das ganze Konzert. Dennoch gibt es natürlich interessante Unterschiede. So spielt die Pires den zweiten Satz (Intermezzo. Andantino grazioso) zum Beispiel erheblich schneller, lässt eine Spur von Heiterkeit, ja von Erhabenem aufkommen. Heidrun Holtmann spielt hingegen betont langsam und akademisch akkurat. Die Grimaud weiß mal wieder einige interessante Akzente zu setzen, und plötzlich wirkt der Satz eher verträumt.

Das „Allegro vivace“ des dritten Satzes gibt Heidrun Holtmann Gelegenheit, ihr pianistisches Können zu demonstrieren; da dürfte manches Klaviertalent vor Neid erblassen. Dass der Gesamteindruck dennoch nicht allzu bewegend ist, liegt aber auch an dem lieblos begleitenden Orchester. War da mal wieder keine Zeit für ausreichende Proben?

Ganz anders interpretiert Maria Joao Pires diesen Satz: über den atemberaubend virtuosen Passagen liegt bei ihr eine tiefe Tragik. So rundet sie das Konzert folgerichtig, aber dennoch durchaus fesselnd ab. Diese Aufnahme ist zeitlos, soll heißen: es kann und muss auch andere geben, aber es dürfte kaum eine „bessere“ zu finden sein.

Hélène Grimaud und das wunderbar mit ihr musizierende Orchester spielen den dritten Satz in höchstem Maße espressivo, dramatisch, packend. Da tun sich geradezu neue Dimensionen auf, ohne dass jemals der Verdacht an werkfremder Selbstdarstellung aufkäme. Und so lautet das eindeutige Fazit: eine sehr interessante, musikalisch-packende, zeitgemäße Einspielung, die voll ihre Berechtigung hat! –

Die CD umfasst natürlich nicht nur dieses Klavierkonzert, sondern lässt auch die vermutlich erste große Interpretin dieses Konzertes – Clara Schumann – als Komponistin mit drei Liedern dabei sein. Die Grimaud als Liedbegleiterin der Mezzo-Sopranistin Anne-Sofie von Otter.

Ist vom Privatleben der Schumanns die Rede, fällt auch bald der Name vom Freund der Familie: Johannes Brahms. Von ihm hören wir auf der CD seine erste Cellosonate. Truls Mörk und Hélène Grimaud erleben wir in bester Spiellaune bei dieser weniger populären Komposition.

Als weitere „Zugabe“ spielt die Grimaud noch die beiden sehr melodischen und deshalb auch wohl recht bekannten Rhapsodien op. 79. Wie schon auf ihren früheren Einspielungen beweist sie auch hier ihr ganz besonderes „feeling“ für Brahms.

Neuerdings wird diese CD als „Doppel-CD“ zum etwa gleichen Preis angeboten. Mitgeliefert wird eine sog. „Bonus-CD“, die von Robert Schumann die 3 Romanzen für Oboe und Klavier op. 94 enthält.  (Mit Albrecht Meyer, Oboe) Angeblich eine limitierte Auflage.

Auf ihrer CD „Reflection“ präsentiert sich die Grimaud demnach als Solistin, im Konzert, als Liedbegleiterin und als Kammermusikerin. Tontechnik  und Fertigung sind einwandfrei. Das Booklet ist erfreulich geschmackvoll aufgemacht, - kein Wunder, hat doch die Grimaud daran mitgewirkt ...

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Hélène Grimaud – Reflection

Staatskapelle Dresden, Ltg.: Esa-Pekka Salonen; Hélène Grimaud, Klavier

Anne-Sofie von Otter, Mezzo-Sopran; Truls Mörk, Violoncello; Albrecht Meyer, Oboe  (auf Bonus-CD)

Deutsche Grammophon  00289 477 6090

 

Vergleichseinspielungen:

Maria Joao Pires / Chamber Orchestra of Europe; Ltg.: Claudio Abbado

Deutsche Grammophon  (1997)  463 179-2

 

Heidrun Holtmann / Radio Sinfonie Orchester Berlin, Ltg.: Stefan Soltesz

Delta Music GmbH  (1994) 14097


"Lucie de Lammermoor", Oper von Gaetano Donizetti

Die Oper spielt um 1700 im alten Schottland. Edgar von Ravenswood und Lucia Ashton sind leidenschaftlich ineinander verliebt. Leider ist der gute Edgar verarmt, was Lucias Zuneigung zu ihm aber keinen Abbruch tut. Doch Lucia hat einen dominanten Bruder, Lord Henry Ashton, der sich ebenfalls finanziell in einem sanierungsbedürftigen Zustand befindet. Zur Aufbesserung seines Kontos plant er deshalb, seine Schwester mit dem reichen Sir Arthur zu verehelichen. Dieser Transaktion steht nun Edgar massiv im Wege. Mit Erfolg entwickelt Lord Henry daher eine böse Intrige, die Lucia an Edgars Treue zweifeln lässt. Sie lässt sich daraufhin zur Unterzeichnung eines Ehevertrages mit Sir Arthur überreden. Kaum ist dies geschehen, kehrt der ahnungslose Edgar von einer Reise nach Frankreich zurück. Schmerzlich erkennt sie ihren Irrtum, und nun verflucht Edgar seinerseits die Geliebte. Lucia verfällt dem Wahnsinn, ersticht den ungeliebten Gatten und stirbt schließlich. Angesichts ihres Todes verzichtet Edgar auf ein Duell mit Lord Henry und wählt für sich den Freitod.

Die Uraufführung fand 1835 in Neapel statt, natürlich in der Originalsprache Italienisch. Das Libretto hatte Salvatore Cammarano geschrieben und sich dabei gestützt auf die Novelle „The Bride of Lammermoor“ von Sir Walter Scott. –

Auf dieser DVD erleben wir eine Adaption ins Französische, daher auch der leicht verändert geschriebene Titel „Lucie de Lammermoor“. Die Produktion entstand im Januar 2002 an der heutzutage zu Recht oft gerühmten Opéra National der Lyon. Dirigent ist Evelino Pidò, der wunderbar klar - ebenso einfühlsam im Piano wie in den dramatischen Augenblicken packend - das Orchester zu führen weiß, ohne jemals die Stimmen der Akteure zu übertönen, die da sind:

Lucie Ashton. . . . . . . . .......PATRIZIA CIOFI

Henry Ashton, ihr Bruder... LUDOVIC TEZIER

Edgar Ravenswood. . . . . . ROBERTO ALAGNA

Sir Arthur. . . . . . ........... . . MARC LAHO

Raymond . . . . . ........ . . . . NICOLAS CAVALLIER

Gilbert . . . . . . ............ . . . YVES SAELENS

Zu deren Leistungen zitiere ich aus der renommierten Fachzeitschrift OPERN-GLAS: „...Patrizia Ciofi darf aber mit Fug und Recht als ganz besondere Ausnahmeerscheinung gelten, weil ihre stimmlichen Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen, was kontrollierte Stimmgebung, minuziöse Phrasierungskunst, Atemtechnik, Stimmfarbe und dramatischen Ausdruck betrifft... Die Mittellage klingt ebenso farbig mit kontrolliertem Vibrato, wie es der Sängerin gelingt, tiefe Lagen und Höhen zu verbinden, in Koloraturen zu brillieren und dabei in keinem noch so winzigen Augenblick Gesang als Zurschaustellung zu entwerten, sondern Note für Note mit beseelter Glaubwürdigkeit zu erfüllen. Die Ciofi bringt eine der ganz wenigen großartigen Leistungen, die uns in den vergangenen zehn Jahren überhaupt auf einer Opernbühne international geboten werden konnten ...“

Das zu lesen, war mir eine tiefe Genugtuung, spricht mir diese Kritik doch tief aus der Seele! Aber auch das Folgende kann ich nur dick unterstreichen: "...Fantastisch, dass an ihrer Seite Roberto Alagna ein sich ähnlich verausgabender Partner als Tenor genauso gute Figur macht... – Eine Entdeckung und ein Muss für jedes DVD-Regal!“

Die Oper ist in traditionellem Stil inszeniert; keine „zeitgenössischen“ Spirenzchen lenken vom Bühnengeschehen, der Musik oder der Gestaltung ab. Auch im Darstellerischen verdient sich die Ciofi Bestnoten. Die ausgedehnte, tückische Wahnsinns-Szene weiß sie ebenso souverän wie eindringlich und erschütternd zu gestalten.

Fazit: Diese DVD verdient größte Aufmerksamkeit aller Opernfreunde. Auch wer ein „Lucia-Fan“ der Callas, der Sutherland oder der Gruberova ist, - Patrizia Ciofi steht mit diesen Größen in der ersten Reihe!

Angaben zur DVD:

Video-Format 16:9 , Regional-Code: PAL  DVD-9

Sound : Stereo – Digital 5.1 - DTS 5.1

Untertitel: Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch

Laufzeit:  145 Minuten

Aufteilung in 34 Kapitel. Keine Specials.

Erschienen bei TDK 2003 


Carmen, Oper von Georges Bizet

“Auf in den Kampf, Torero...!” - Ja, diese Oper “Carmen” von Georges Bizet ist vielleicht die bekannteste aller Opern, - oder sagen wir richtiger: Weniges daraus ist sehr vielen bestens bekannt und somit populär. Das andere, geschweige denn die ganze Oper, ertönt fast ausschließlich im leider sehr überschaubaren Kreis der Opernfreunde. Und unter denen ist “Carmen” keineswegs qualitativ unumstritten, was wohl zum Teil daran liegt, dass alles Populäre in den einschlägigen Fachkreisen automatisch irgendwie verdächtig erscheint. Die Handlung gliedert sich in vier Akten, in denen nach einer mitreißend schmissigen und sehr melodischen Ouvertüre folgendes passiert:

1. Akt

Sevilla und Umgebung, um 1820... Das Waisenmädchen vom Lande, Micaela, und der brave Soldat Don José sind zusammen bei Josés Mutter aufgewachsen; sie lieben sich. Sie besucht ihn in der Stadt , aber José ist noch nicht zum Dienst erschienen. Daher will sie später noch einmal vorbeisehen. Unterdessen erscheint José mit dem neuen Offizier Zuniga, der sich für die Tabakarbeiterinnen interessiert, die in der Arbeitspause gern mit Männern herumflirten. Die Zigeunerin Carmen ist eine von ihnen, und sie verdreht José gründlich den Kopf. Als Micaela wiederkommt, überbringt sie José den Wunsch seiner Mutter: Micaela und er mögen doch heiraten. Von Carmen noch verwirrt, scheint José zunächst erleichtert. Aber es ist bereits zu spät; Carmen hat in der Fabrik eine Schlägerei angezettelt, und José muss sie verhaften. Carmen umgarnt erneut den faszinierten José und verleitet ihn mit Liebesversprechungen zur Fluchthilfe.

2. Akt

In der Kneipe von Lillas Pastia unterhält Carmen mit einigen Freundinnen den Leutnant Zuniga. Von ihm erfährt Carmen, dass José wegen ihrer Flucht mit Gefängnis bestraft wurde. Mit großem Trara lässt sich Torero Escamillo feiern, der ebenfalls ein Auge auf Carmen geworfen hat. Wegen des erwarteten Besuchs einiger Schmuggler-Führer komplimentiert Lillas Pastia die Gäste hinaus. Die Schmuggler erscheinen und besprechen mit den Frauen ihre Pläne. Carmen jedoch will nicht mitmachen, weil sie auf ihren José wartet, in den sie sich verliebt hat. Die Schmuggler verstehen das nicht. Doch als José kommt, lassen sie ihn und Carmen allein. Carmen tanzt für ihn, doch ihn ruft seine militärische Pflicht. Carmen ist zutiefst  gekränkt. Da José anscheinend der Dienst wichtiger ist als ihr Versprechen von Liebe und Freiheit, will sie auf ihn verzichten. Da tritt Zuniga auf und beleidigt José, der ihn aus verletztem Stolz zum Kampf herausfordert. Die Schmuggler überwältigen Zuniga. Aber für José ist die Rückkehr in sein geordnetes Leben nun verbaut.

3. Akt

José schließt sich der Schmuggler-Bande an und plagt Carmen fortan mit seiner Eifersucht. Mehr und  mehr wendet sie sich von ihm ab, zumal sie in den Karten ihren Tod voraussieht. Die Schmuggler rufen die Frauen, die die Zöllner ablenken sollen, zum Aufbruch. José bleibt zurück, um die Waren zu bewachen. Micaela findet José. Sie muss sich verstecken, als Escamillo erscheint, der nach Carmen sucht. Zwischen José und Escamillo kommt es aus Eifersucht zum Zweikampf . Carmen greift ein und rettet Escamillos Leben, der protzig alle zu seinem nächsten Stierkampf einläd. Micaela wird in ihrem Versteck entdeckt. Vergeblich versucht sie, José zur Rückkehr zu bewegen. Erst als José erfährt, dass seine Mutter im Sterben liegt, ist er bereit, Micaela zu folgen, begleitet vom Spott Carmens.

4. Akt

Volksfest-Stimmung! - Mit Pomp und umjubelt erscheint Escamillo mit Carmen, die längst seine Geliebte geworden ist, zum Stierkampf. Carmen wird von ihren Freundinnen gewarnt, dass José in der Stadt ist, der immer noch hofft, mit ihr ein neues Leben beginnen zu können. Carmen ist dazu schon lange nicht mehr bereit, als sie unvermittelt auf Josè trifft. Fern in der Arena tobt der Stierkampf, während der Streit Streit zwischen Carmen und José dramatisch eskaliert. Im selben Augenblick, als Escamillo den Stier bezwingt, tötet der verzweifelte José die stolze, von Todesahnung erfüllte Carmen.

* * * * * * * * * *

Ich kenne keine Oper, deren zahllose Inszenierungen sich geradezu traditionell fast ausschließlich auf die Charakterisierung der Hauptfigur konzentrieren wie bei Carmen. Die anderen Figuren müssen nur anwesend sein und möglichst gut ihren Part singen, dürfen mal traurig, flehend oder sonstwie dreinschauen, - aber damit hat es sich. - Diese Aufführung von 1991 macht da keine Ausnahme. - Der äußere Rahmen ist konservativ, angemessen, glaubhaft. Zubin Metha führt das Orchester von Covent Garden straff, übertönt kaum mal die Sänger, ist aber auch nicht immer gerade eine große Stütze der Stimmen. Dafür zeichnet er schöne durchgehend weite Melodiebögen, die selbst Zweiflern vielleicht suggerieren, dass der Georges Bizet doch wunderschöne Musik zu schreiben verstand. Alles in allem möge dies als Lob verstanden werden.

Die spanische Regisseurin  Nuria Espert legt Wert auf ein detailgetreues Umfeld. So bleiben uns unnatürlich protzige, an Karneval erinnernde Garderoben diesmal zum Glück erspart. Und für die Flamenco-Choreographie wurde mit Christina Hoyos eine echte Kennerin engagiert.

Der Tenor Luis Lima als Don José tut sein Bestes, was stimmlich leider nicht immer ausreichend ist. Darstellerisch beschränkt er sich auf die übliche sparsame Opern-Gestik und -Mimik. Von einer Rollen-Charakterisierung zu sprechen, verbietet sich somit.

Die Sopranistin Leontina Vaduva als Micaela bietet stimmlich eine sehr erfreuliche Leistung, zeigt gestalterisch aber zu wenig. Ähnliches gilt für den stolzen Torero Escamillo des bekannten Baritons Gino Quilico, der lediglich routiniert seinen Part erledigt. - Ausgesprochen positiv sind nahezu alle kleinen und kleinsten Rollen hervorzuheben. Da blitzen immer wieder wunderschöne Augenblicke gelebten Musiktheaters auf. Man fragt sich, ob sich die Akteure dieser kleinen Rollen von der Regisseurin williger zu ausgeprägter Rollendarstellung leiten ließen als die drei erwähnten „Stars“.

Ach ja, da gibt es noch die Rolle der Carmen, gespielt, gesungen, gelebt von Maria Ewing. Dieser Bericht wäre ohne Maria Ewing nie geschrieben worden, und wahrscheinlich wäre ohne sie die ganze DVD nie im Handel erschienen. Ein intensives Rollenstudium, gepaart mit extrem empathischem Rollenverständnis und der Fähigkeit, dieses innere Erleben dosiert expressiv auf der Bühne zu demonstrieren, erzeugt geradezu Krimi-Spannung durch das bloße Agieren dieser Carmen. -

Die Ewing fesselt derart, dass sich die Pupillen und Ohren nur auf sie konzentrieren; würde das Bühnenbild heimlich weggeblendet, vielleicht würden es viele Zuschauer gar nicht bemerken...

Ein starkes Spannungs-Element liegt darin, dass diese Carmen wie ein menschlicher Vulkan jeden Augenblick auszubrechen droht, - aber genau das geschieht nicht. Die flatterhafte Zigeunerin nimmt stattdessen immer mehr tragische Züge an bis hin zu ihrem Tod. Der ist nicht allein das Werk des verzweifelten Don José, sondern auch ein Hauch von Suizid einer innerlich orientierungslosen, ebenfalls verzweifelten, aber ungebrochen stolzen Carmen. Bravo, bravissimo, Maria Ewing für diese großartige darstellerische Leistung. Ihre Stimme beherrscht natürlich mühelos die Anforderungen der Partitur, dennoch legt sie es nicht auf Schöngesang an, sondern ordnet auch den stimmlichen Ausdruck ganz der Rollendarstellung unter.

Muss der Opernfreund diese DVD besitzen? - Nicht unbedingt, aber diese Carmen der Maria Ewing muss er erlebt haben ...

* * * * * * * * * *

Oper „Carmen“  Musik von Georges Bizet

Text (nach einer Novelle von Prosper Mérimée) von Henri Meilhac und Ludovic Halévy

Uraufführung: 3.3.1875  in Paris

Deutsche Erstaufführung: 1880 in Hamburg

Arthaus-Musik. Artikel-Nummer 100 096

(nicht zu verwechseln mit einer brasilianischen Produktion und einer anderen DVD-Aufnahme mit Maria Ewing aus einer Art Zirkusrund!)

Technische Angaben:

Aufnahme: Live-Aufzeichnung Covent Garden, London, 1991 im 4:3 Bildformat , PAL

Ton: PCM - Stereo; Klang und Bildqualität der 1991er-Technik für TV-Ausstrahlung äquivalent.

Regionalcode: 2 und 5

Menuesprachen: D, GB, F   -   Untertitelsprachen:  D, GB   -  gesungen wird in der Originalsprache Französisch


“Die Winterreise” von einem Liedermacher namens Franz Schubert.

“Fremd bin ich eingezogen,

fremd zieh’ ich wieder aus...

 

...Es zieht ein Mondenschatten

als mein Gefährte mit...”

 

So beginnt ein Zyklus von Gedichten des 1794 in Dessau geborenen Dichters Wilhelm Müller, der hauptsächlich sangbare Gedichte und Lieder schrieb, wie beispielsweise den ebenfalls von Franz Schubert vertonten Zyklus “Die schöne Müllerin”, - das quasi leichtere Pendent zur “Winterreise” - sowie den Band der “Griechenlieder”. - Müller starb bereits 1827, wurde also nur 33 Jahre alt.

Franz Schubert, einer der größten Komponisten klassischer Musik, hatte ein noch kürzeres Leben; er wurde 1797 geboren und starb 1828 mit knapp 32 Jahren. - Schubert und Müller waren also Zeitgenossen. Neben zahlreichen Klavierkompositionen, Kammermusikwerken und Sinfonien galt seine besondere Liebe dem Kunstlied. So vertonte er Verse von Heinrich Heine, Ludwig Rellstab, Goethe, Uhland, Schlegel u.v.a. - “Die Winterreise” entstand ein Jahr vor Schuberts Tod im Jahre 1827.

Todesahnung? - Todessehnsucht? - “Einen Kranz schauriger Lieder”, nannte Schubert selbst diesen Zyklus, den er geradezu verbissen kontinuierlich durchkomponierte, um das Werk zu vollenden wie einer, der ‘fremd eingezogen’ war in diese Welt und vielleicht nicht ganz so ‘fremd wieder ausziehen’ wollte...

“Was soll ich länger weilen,

dass man mich trieb’ hinaus?

Lass irre Hunde heulen

vor ihres Herren Haus!

Die Liebe liebt das Wandern,

Gott hat sie so gemacht  -

von einem zu dem andern -

fein Liebchen, gute Nacht!

 

Will Dich im Traum nicht stören,

wär’ schad’ um deine Ruh,

sollst meinen Tritt nicht hören -

sacht, sacht die Türe zu!

Schreib’ im Vorübergehen

ans Tor dir “gute Nacht”,

damit du mögest sehen:

An dich hab’ ich gedacht.”

 

Der Zyklus besteht aus 24 Liedern, Stimmungsbildern der Reise eines enttäuschten Liebenden, der Geliebte und Stadt verlässt, als einsamer Wanderer eine Reise durch Dunkelheit, Schnee und Eis ins Ungewisse antritt, hier und da blitzt ein Hoffnungsschimmer auf und ist doch nur Irrlicht, Täuschung oder süße Erinnerung:

 

“Am Brunnen vor dem Tore,

da steht ein Lindenbaum;

ich träumt in seinem Schatten

so manchen süßen Traum.”

 

“Die Winterreise” ist komponiert für einen Gesangssolisten, Tenor oder Bariton, mit “Begleitung” des Klaviers. Bei Schubert-Liedern von einer Klavier-”Begleitung” zu sprechen, ist geradezu Frevel. Selbstständig, gleichberechtigt, konzertierend und ergänzend ist der Klavier-Part. - Der Pianist muss dem gerecht werden und zugleich dem Sänger ein sonores Fundament bieten, - ein höchst schwieriges Unterfangen, da zugleich die Stimmung jedes Liedes den Zuhörer erfassen muss, um die Texte dieser winterlichen Reise in den Tod glaubhaft zu machen.

 

“Bin gewohnt das Irregehen,

‘s führt ja jeder Weg zum Ziel:

Unsre Freuden, unsre Wehen,

alles eines Irrlichts Spiel!

 

Durch des Bergstroms trockne Rinnen

wind’ ich ruhig mich hinab -

jeder Strom wird’s Meer gewinnen,

jedes Leiden auch sein Grab.”

 

Das Kunstlied bedient sich im Gegensatz etwa zur Opern-Arie einer zurückhaltenden, bescheidenen Ausdrucksform. Die wenigen Mittel, die eingesetzt werden, müssen perfekt in Tongebung, Gesangs- und Klaviertechnik gepaart sein mit Wahrhaftigkeit und Ausdrucksstärke des Vortrags. Kleinste Fehler oder Unzulänglichkeiten treten sogleich überdeutlich hervor. Ein Interpret, der in sich selber nicht jene dramatische Winterreise antritt und durchleidet, wird niemals glaubwürdig wirken. Dem Liedinterpreten stehen keine Gesten oder Verkleidungen zur Verfügung - verglichen mit der Opernbühne - er muss all das, was sonst der “singende Schauspieler” darzustellen hat, nur mit seiner Stimme ausdrücken.

 

“Drei Sonnen sah ich am Himmel stehn,

hab’ lang und fest sie angesehn;

und sie auch standen da so stier,

als wollten sie nicht weg von mir.

Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!

Schaut andern doch ins Angesicht!

Ja, neulich hatt’ ich auch wohl drei;

nun sind hinab die besten zwei.

Ging’ nur die dritt’ erst hinterdrein!

Im Dunkeln wird mir wohler sein.

 

Es gibt eingängigere Melodien in anderen Liedern von Franz Schubert. - Einige Lieder der Winterreise mögen zunächst auf den Ersthörer recht spröde wirken. Mir ging das früher nicht viel anders. Da sprach mich  das Volksliedhafte in der “schönen Müllerin” mehr an. - Hört man die Winterreise öfter, wird die geniale Symbiose zwischen Text, Melodik und “Begleitung” immer wieder und immer stärker zu einem ergreifenden Erlebnis.

Lieder und Liedermacher sind in unserer Zeit ja durchaus “in”. - Mit diesem Beitrag möchte ich mich an diejenigen wenden, die intensives Zuhören noch nicht verlernt haben, die “Liedern zuzuhören” verstehen. - Ihnen möchte ich zurufen: “Vergesst die alten Meister nicht!” - Sie haben uns vieles zu sagen und sie geben uns immer noch Rätsel auf, auch vielleicht mal schaurige, wie das letzte Lied von Schuberts “Winterreise”:

 

“Drüben hinterm Dorfe

steht ein Leiermann,

und mit starren Fingern

dreht er, was er kann.

 

Barfuß auf dem Eise

wankt er hin und her;

und sein kleiner Teller

bleibt ihm immer leer.

 

Keiner mag ihn hören,

keiner sieht ihn an;

und die Hunde knurren

um den alten Mann.

 

Und er lässt es gehen

alles, wie es will,

dreht, und seine Leier

steht ihm nimmer still.

 

Wunderlicher Alter,

soll ich mit dir gehn?

Willst zu meinen Liedern

deine Leier drehn?

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Meine CD-Empfehlungen zu Franz Schubert: “Die Winterreise” :

1.)  Dietrich Fischer-Dieskau, Bariton; Gerald Moore, Klavier - Deutsche Grammophon  von 1972 - Nummer: DG - CD 518159520

Authentische, gesanglich perfekteste Interpretation, die ich kenne. - Aufnahmetechnisch und klanglich auch nach heutigen Maßstäben ohne Beanstandung. - Dieskaus Gesangskultur ist immer noch der Maßstab für die heutige Sänger-Generation. - Gerald Moore am Klavier ist ein adäquater Partner, wenngleich etwas emotionsarm.

 2.) Thomas Quasthoff, Bass-Bariton; Charles Spencer, Klavier - Nummer: RCA 09026 63147 2 - DDD

Von den neueren CD-Aufnahmen die für mich überzeugendste

 3.) Brigitte Fassbaender, Mezzosopran; Aribert Reimann, Klavier - Nummer:  DG - CD 574994620   DDD   Aufnahme von 1988

Eine Frau singt diese “Männer-Rolle”. - Interessant durch die Ausdrucksstärke der Fassbaender und des kontrastierenden prägnanten Klavier-Parts, der - mich zumindest - allerdings hier wegen seiner zu sehr betonten Selbstständigkeit nicht ganz zu fesseln vermag.

Erwähnen möchte ich noch einen Konzert-Mitschnitt vom 30. Januar 1997 aus der Kölner Philharmonie mit den Interpreten Thomas Quasthoff, Bass-Bariton und der portugiesischen Pianistin Maria Joao Pires. - Aufnahmen - auch als VIDEO - vom WDR, Köln. - Eine Live-Aufnahme, die durch Wahrhaftigkeit des Vortrags und einer dezenten, einfühlsamen Klavier-”Begleitung” überzeugt. - Hier “singt” das Klavier die zweite Stimme, wie ich es eindringlicher zuvor nie gehört habe. - Immerhin besteht ja die Chance späterer Ausstrahlung in den Dritten Fernsehprogrammen bzw. auf 3sat. -


 "Romeo et Juliette", Oper von Charles Gounod (DVD)

Es ist DIE klassische Liebes-Tragödie, - die tragisch endende Romanze zwischen Romeo und Julia. Und zurück geht die Idee dazu auf einen gewissen William Shakespeare, der daraus ein Bühnenstück machte, dessen Protagonisten-Schicksal vermutlich zeitlos aktuell ist, weil es ganz einfach auf eine menschliche Erbkrankheit fußt: Intoleranz dem Anderen gegenüber.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Wir befinden uns in Verona im 13. Jahrhundert. Romeo, zur Familie Montague gehörend, besucht maskiert mit einem  Freund im Hause der verfeindeten Familie Capulets ein Fest aus Anlass des Geburtstages von Julia. - Und wie sich das so gehört im Drama, verlieben sich Romeo und Julia schier unsterblich ineinander, trotz ihrer Abstammung aus verfeindeten Familien. Ihre Liebe überwindet alle künstlich aufgebauten und aufgebauschten Schranken. Aber die liebe Verwandtschaft macht da nicht mit. Es kommt zu Mord und Totschlag! - Der neutrale edle Pater Lorenzo traut heimlich die Liebenden, doch Romeo wird aus der Stadt verbannt. Um den Liebenden zu helfen, überreicht er Julia ein Gebräu, nach dessen Genuss diese in eine Art Scheintod verfällt. - Wenn sie wieder erwacht, soll sie für die Welt als tot gelten, in Wahrheit aber will sie zu dem geliebten Romeo fliehen. - Doch der stürmische junge Mann kommt zu früh zur scheintoten Julia, hält sie für wirklich tot und vergiftet sich selber nun vor Gram und Liebesleid. - Da wacht Julia auf, findet den sterbenden Romeo an ihrer Seite und ersticht sich mit dessen Dolch. Vorhang.

Was hält diese Geschichte in der heutigen Zeit am Leben? - Mögen die Montagues und Capulets ausgestorben sein, deren Wahn aber existiert leider weiter. Julia könnte die Tochter aus einem snobistischen Arzthaushalt sein, Romeo dagegen ein Schlossergeselle aus Bottrop... Oder Julia eine Jüdin und Romeo ein Palestinenser... Oder Julia eine Farbige... Oder Romeo ein Vorbestrafter... Nein, - die Montagues und Capulets geistern weiter fröhlich in unseren Köpfen herum und halten so allerlei Urteile, Vorurteile und Verurteilungen wach.

Der französische Kompoist Charles Gounod, geb. 1818 in Paris, gestorben 1893 in St. Cloud, schrieb über Romeo und Julia eine Oper, deren Uraufführung am 27. April 1867 in Paris stattfand. - Im gleichen Jahr wurde sie auch in Deutschland aufgeführt, erstmalig in Dresden. Trotz einiger kompositorischer Schwächen wurde das Werk ein weltweiter Erfolg, blieb aber vor allem in Frankreich äusserst beliebt, woran das französische Libretto sicherlich gehörigen Anteil hat. Berühmte Darsteller auf der Opernbühne waren übrigens Mirelli Freni als Julia und Franco Corelli als Romeo. Gounod hat wunderschöne Arien für Romeo und für Julia und sehr melodische Duette für beide komponiert. Auch einige Chor-Szenen begeistern musikalisch. - “Unwichtigere” Szenen wirken dagegen manchmal etwas halbherzig, wie flüchtige Varianten von längst Gehörtem. - Shakespeares Vorgaben erwiesen sich dem Komponisten da vielleicht als eher hinderlich.

Es wundert also nicht, wenn Regisseure immer wieder gern Kürzungen der Oper vorgenommen haben. - Auch diese DVD ist mit ihren ca. 75 Minuten eine gekürzte Fassung der Oper.  Das Geschehen wird aber zum Glück nicht modern entfremdet, lediglich die Spielorte entfernen sich von der Enge der Bühne auf reale Plätze. (Wald, Kirche, Burgplatz, Wandelgänge, Festsaal  usw.) Das hat für einen Film bzw. eine DVD unbedingt ihren Reiz; Tontechniker sollten dennoch nicht den falschen Ehrgeiz haben, den Ton der jeweiligen Raumakustik nachträglich anzupassen! - Jeder weiß sowieso, dass die Tonaufnahmen im Studio entstanden, dass z.B. Julia nicht live singt, wenn sie mit wehendem Gewand tänzelnd über die Wandelgänge rast...

Roberto Alagna ist ein überzeugender Romeo. Dass seinem Stimm-Timbre die französischen Sprache besonders gut liegt, zeigte sich schon in der CD-Version mit  Chor und Orchester des Capitol de Toulouse unter der Stabführung von Michel Plasson. In dieser - ungekürzten! - CD-Aufnahme von 1995 sang die Julia ebenfalls Angela Gheorghiu, - hier nicht nachträglich vom Tontechniker “verbessert”. Musikalisch bevorzuge ich nicht zuletzt deshalb diese CD-Version.

Aber auch die bei Arthaus-Musik  brandneu erschienene DVD “Romeo et Juliette” ist trotz vieler kleinerer Einschränkungen zu empfehlen. Die Regisseurin Barbara Willis Sweete inszenierte das Werk  im pittoresken mittelalterlichen Königsschloss von Zvikov. Farben, Bewegungen, Ausleuchtungen sind DVD- und Fernseh-gerecht. Das Orchester begleitet unter dem Dirigat von Anton Guadagno recht einfühlsam, zu Beginn manchmal eine Spur zu sehr zurückhaltend. Etwa Furcht vor einem Rüffel der Diva Gheorghiu? -

Wieder einmal beherrscht Angela Gheorghiu als Juliette die ganze Produktion. Makellos und leuchtend ihr Sopran, exakt “sitzen” die Töne, wie von einem Tasteninstrument angeschlagen. Berückend schön ihr Piano. Und nicht zu vergessen die herrlichen Duette mit (ihrem Ehemann) Roberto Alagna. Sie zu hören, ist ein Genuss; aber sie zu sehen, - das ist eben auch eine Freude!

Eine DVD für Opern-Einsteiger, auf Krimi-Länge gekürzt. Eingängige Melodik erleichtert diesen “Eingewöhnungs-Schritt“. - Das beiliegende Booklet ist derzeit für DVDs überdurchschnittlich informativ und nützlich.

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“ROMEO ET JULIETTE”, Oper von Charles Gounod, filmisch aufgearbeitet von Barbara Willis Sweete. Erschienen als DVD bei Arthaus-Musik

Bestell-Nummer: 100 706  -  Laufzeit: 73 Min.

Sound: PCM Stereo - Dolby digital 5:1 - DTS 5:1

Untertitel wählbar: - keine - englisch - deutsch - französisch - spanisch

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KURZGESCHICHTEN, - ein Sprungbrett für JungautorInnen

Kurzgeschichten sind beliebt, werden viel gelesen, und es werden unendlich viele geschrieben. Wer in sich den Drang zum Schreiben spürt, fängt meist mit solchen Kurzgeschichten an. Manche Autorinnen und Autoren begnügen sich damit, ihre Werke im Internet zu publizieren; das kostet nichts, und man wird dort in der Regel unlektoriert so gut wie alles los. Jeder kann diese Werke lesen oder sich auch ausdrucken. Warum also Geld ausgeben für gedruckte Anthologien oder Zeitschriften mit solchen Kurzgeschichten.

Wie schon erwähnt, das Internet „frisst“ nahezu alles. Entsprechend sind die Qualitätsunterschiede bei den stories sowohl im Inhaltlichen wie im Handwerklichen, weil eben kein erfahrener Lektor bei den Texten eine Auswahl trifft und notwendige Korrekturen vornimmt. Da ist es in der Regel schon besser, ein paar Euro zu opfern für einen guten Anthologie-Band mit einem „Lektorats-TÜV“.

Für alle Freunde von Kurzgeschichten hatte Helga Lindow (Herausgeberin) aber eine andere tolle Idee: eine Monatzeitschrift voller Kurzgeschichten – mit Krimis – Gedichten – Science-Fiction – Erzählungen – Fantasy und Märchen. Eben etwas für „die ganze Familie“.

„KURZGESCHICHTEN“ heißt diese Zeitschrift – wie auch sonst? Sie hat sich seit vielen Monaten am Markt erfolgreich behauptet, was allein schon für Qualität spricht. Ansprechend ist die Aufmachung: Glanzpapier-Einband, sauberer Druck, ca. 60 Seiten geheftet. Das sieht richtig gut aus und eignet sich deshalb ggfl. auch mal als Geschenk, als Jahres-Abo ebenso wie als Einzelheft.

Wichtiger noch ist freilich die sorgfältige Auswahl an Geschichten. Das Lektorat zeigt sich sehr liberal in der Themenauswahl, wodurch eine einseitige Ausrichtung auf Dauer sicher vermieden wird. Die Geschichten sind alle lesenwert; das ist jedenfalls mein Urteil nach dem Studium von fünf Ausgaben. Persönliche Vorlieben des Lesers wird’s natürlich immer geben. Was Ausdruck und Grammatikalisches angeht, wirken die Texte sehr gut lektoriert. Zu den jeweiligen Autoren finden wir auf den ersten Seiten eine Kurzvita, meist mit E-Mail-Adresse.

Um die fünfzig Kurzgeschichten bzw. Gedichte finden wir in einem einzigen Heft. Ich denke, da ist ein Preis von 5,00 Euro je Ausgabe sehr günstig. Ein Jahres-Abo = 12 Hefte kostet nur 50,-- Euro. Alle Preise incl. Inlandsporto.

Eine tolle Sache für Lesefreunde von Kurzgeschichten. Aber auch eine ebenso tolle Chance für bislang unbekannte Autoren, ans gedruckte Licht der Öffentlichkeit zu treten. Und – so habe ich erfahren – man darf sogar Texte einreichen, die schon mal im Internet gepostet wurden.

Bezugsquelle: Bestellung@kurzgeschichten.biz , Internet:  www.kurzgeschichten.biz

Postanschrift: Print & Media 2005 Ltd., Zeppelinstraße 13 a, 77652 Offenburg


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