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Späte
Rache !
Scheußlicher Alptraum: Ich wieder auf der Penne, -
hölzerne, abgestoßene Schulbank. An der
Tafel Deutschlehrer Fleischhauer: “Hefte ‘raus. Wir schreiben einen Aufsatz!”
Ich hasste Fleischhauer, und er hasste mich. Aufsätze waren eine der drei
Katastrophen meiner Schulzeit, die beiden anderen waren Sport (bei
Fleischhauer!) und Latein mit dem Horrortext “De bello gallico” eines gewissen
Julius Caesar.
Fleischhauer war der Erfinder des Aufsatzes. Die Themenwahl verriet
Intelligenz, Fantasie und Kreativität. Wem sonst könnten Themen einfallen wie
“Der Beruf meines Vaters” ; “Die Mutter im Haushalt”; “Mein schönstes
Ferien-Erlebnis” oder “Mein Schulweg”. Der Aufsatz bestand aus Einleitung,
Mittelteil und Schlussteil, und jeder Abschnitt unterlag den
Ausführungsbestimmungen des Herrn Fleischhauer. Verstöße wurden mit Rotstift
geahndet, für mich einmal bis zur Versetzungs-Gefährdung.
Ich war früher ein lieber Junge, der alles tat, was er einsehen konnte. Mit den
übrigen Vorgaben hatte ich Probleme, was sich bis heute erhalten hat. Meine Aufsätze begannen mitten im Geschehen,
möglichst mit einem Knaller, und das haute den Fleischhauer jedes Mal um. Bei
der Rückgabe der “korrigierten” Klassenarbeiten wurde immer der schlechteste
Aufsatz vor der Klasse als erster, der beste dann als zweiter verlesen. Hier
war ich mit schöner Regelmäßigkeit der Erste.
Nach diesem Alptraum gelüstet es mich, wieder mal einen Aufsatz zu schreiben,
Herr Fleischhauer. Ich wähle einen Titel, dem Ihre Fantasie gewachsen ist. Nur
die Ausführung, Herr Fleischhauer - da hab’ ich nichts von Ihnen gelernt, es
wird die gleiche Katastrophe wie früher sein. Kaum zu glauben, aber wenigstens
ist die folgende Geschichte wahr!
“Mein schönstes Restaurant-Erlebnis”
Tosender Applaus für den großen Dirigenten Günter Wand. Soeben hatte er mit den
Berliner Philharmonikern Bruckners Siebte Sinfonie beendet. Ein
Konzert-Ereignis, für das es sich gelohnt hatte, nach Berlin zu kommen. Unsere
Stimmung hatte etwas Feierliches, als wir noch ganz im Banne des Musik-Erlebens
auf die Straße traten. Wir, das waren Luise, Peter, meine bessere Hälfte und
ich.
Wir hatten vor, nach dem Konzert in der Nähe eine Kleinigkeit zu essen. Die
Philharmonie ist nicht weit vom Potsdamer Platz entfernt, und an so zentraler
Stelle gäbe es sicherlich massenhaft gemütliche Lokale, dachten wir. Erst
mussten wir uns das “massenhaft” abschminken, dann das “gemütlich”, bis wir
schließlich ein Lokal fanden, das zu sooo später Stunde (nach 22:00 h) noch ein
paar “snacks” anbot.
Wir nahmen Platz an einem kleinen Tisch neben der Wendeltreppe, die in den
oberen Bereich führte. Bald kam ein gut gekleideter Kellner an unseren Tisch
und fragte verbal korrekt: “Was darf ich Ihnen bringen?” - Zu Tonfall und Mimik
hätten allerdings besser die Worte “Watt woll’n sie denn noch haben?” gepasst.
Wir bestellten vier Bier und - da für alles andere die Küche schon geschlossen
war - das einzig noch mögliche warme Essen, nämlich Tomaten-Suppe. Luise
bemerkte dazu, da könne man ja nicht viel falsch machen. Hatte die ‘ne Ahnung!
Es dauerte nicht lange, da wurden uns vier Näpfe serviert mit - na ja
-Tomatensuppe und als Sättigungsbeilage einer halben Scheibe nach feiner Leute
Art diagonal-geschnittenem, ungetoastetem Toastbrot, frisch und entsprechend labberig.
“Fröhlichen Appetit", meinte Peter mit kläglicher Stimme. Wir begannen, mit dem
Löffel in der Suppe herumzurühren, um uns optisch der reichlichen Einlagen zu
erfreuen. Der eine fand eine Bohne und ein Stück Tomaten-Paprika, der nächste eine
halbe Tortelloni und undefinierbare Fasern, ich zauberte ein Stück Spargel,
dann eine Erbsenschote und schließlich jede Menge kleiner halbroher Zwiebelchen
hervor. Ein paar Erbslein und Maiskörnchen schwammen putzig an der Oberfläche,
die von einem Klecks gesüßter Sahne vom Nachmittagskuchen geziert wurde.
Offensichtlich hatten die Leute bei den Einlagen nicht gespart. Fisch wurde übrigens nicht gefunden.
Wer essen will, muss den Mut aufbringen, den Löffel zum Mund zu führen. Es
schien, als wollte jeder dem anderen den Vortritt lassen. Dies war der
Augenblick, in dem ein Stück Andacht aus dem Konzert purer Albernheit zu
weichen begann. Wir beschlossen im Unisono den ersten Löffel Suppe zu
verkosten. Alle machten mit, was wir uns heute noch gegenseitig hoch anrechnen.
Unbestreitbar, die Suppe hatte Geschmack, eigentümlichen Geschmack, nach Art
des Hauses oder nach einer bislang unbekannten exotischen Tomaten-Sorte. Wir
rätselten und mutmaßten, wie man eine solche Gaumenqual zustande bringen kann,
kamen aber rasch mit Bauchschmerzen vor Lachen zu einem Ergebnis; ich wurde
auserkoren, diese Erkenntnis dem Kellner vorzutragen. Immer ich!
Bis zu diesem Abend war ich überzeugt, eine einigermaßen gute Kinderstube
genossen zu haben, nach diesem Abend taten sich Zweifel auf. Das kam so: Der
Kellner muss Kücheneinblick gehabt haben; denn als er an unseren Tisch trat,
verkniff er sich galant die übliche Frage “Schmeckt’s?“ Ich ließ meinen Arm
über den Tisch kreisen mit einem anschließenden Seitwärtsruck, was bedeuten
sollte, die vollen Suppentröge bitte abzuräumen. Sprechen konnte ich nicht, da
ich - von Lachen geschüttelt - es nicht fertig brachte, ein zähes Stück Einlage
zwischen meinen Zähnen hinunterzuschlucken.
“Schmeckt’s Ihnen nicht?”
“Nein.“
“Wieso nicht?” Nun hatte er das Schicksal herausgefordert, und ich stand in der
Pflicht, das Ergebnis unserer Analyse kundzutun.
“Das ist aufgebrühter Mülleimer!”
Stumm, bis zu den Fußsohlen beleidigt räumte er ab. Wir tranken unser Bier,
verlangten die Rechnung und bezahlten - weniger für den Gourmet-Genuss als für
den Spaß. Dann kam das Erlebnis, das den finanziellen Aufwand voll
rechtfertigte. Gerade als wir uns erheben wollten, kam der Kellner die
Wendeltreppe herunter, in der Hand ein Tablett mit zwei Suppentrögen. Er hielt
sie uns unter die Nase, verwies auf die sauber leergegessenen Näpfe und keifte:
“Da können Sie’s sehen. Den Herrschaften oben hat die Suppe geschmeckt. Haben
alles aufgegessen! Alles! - Von wegen Mülleimer!” Sprach’s und verschwand in der
Küchen-Grotte.
Vier Menschen, vielleicht die albernsten der Welt, verließen laut lachend, die
letzten Worte des Kellners ständig wiederholend und bis ins Groteske variierend
das Lokal. - Kopfschüttelnde Passanten. Mein Gott, müssen die sich so betrinken!
Wie peinlich – wie peinlich!
Das war er – der Erlebnisaufsatz ...
Ja, Herr Fleischhauer, Sie werden sich nun im Grabe
umdrehen und müssen da unten vielleicht gramvoll auf dem Bauch liegen. Späte
Rache! Doch
wie oft bin ich Ihretwegen auf
den Bauch gefallen?!
Indes, durch Sie habe ich auch lernen müssen, immer wieder aufzustehen. Das hat
mir im Leben sehr geholfen. Danke, Herr Fleischhauer, - danke! Sie können sich nun wieder
‘rumdrehen!
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