Über mich ...
 

 

 

                      

 

Fernsehinterview August 2006

           

                    Wie ich ans Schreiben kam ...

Zahllos sind die Gedanken, die uns durch den Tag begleiten; sie kommen, und sie verfliegen... Manche darunter verdienen es, festgehalten zu werden; dies ist der Grund, weshalb ich schreibe: Gedanken fixieren, sie auszubauen, zu einem Text zu gestalten und in gedruckter Form oder online geneigten Lesern zu übermitteln.

Schreibleidenschaft?

Mag sein. Denn kaum hatte ich das Stadium des ABC-Schützen überwunden, kritzelte ich schon meine ersten "Prosazeilen" aufs Papier, - die ein gütiges Schicksal später verschwinden ließ. Statt des obligatorischen Lokomotivführers wollte ich Schriftsteller werden; doch meine Eltern brachten mich mit ernüchternder Sachlichkeit zu der Einsicht, dass der Mensch nicht von der Kunst allein lebt ... Also ging ich weiter brav zur Schule, kam in eine kaufmännische Lehre und schrieb danach meinen ersten Bewerbungs-Lebenslauf im damals üblichen Stil: "Ich, Kurt Mühle, wurde am... 1937 in Dortmund als Sohn des... und der... usw. geboren."

Ich avancierte zum Autor unzähliger Geschäftsbriefe, Tabellen und Statistiken und setzte voller Überzeugung diesem Leben anno 1964 ein Ende. Stattdessen studierte ich per Fernlehrgang Elektrotechnik, verbrachte dann den Rest von drei Jahrzehnten meines Berufslebens als Elektro-Ingenieur im Außendienst, Fachbereich Mess- und Regeltechnik. Eine interessante Zeit; denn ich lernte Industrieanlagen aller Branchen kennen, hatte ständig mit neuen Menschen zu tun und durfte hin und wieder auch schreiben: Aufsätze in Fachzeitschriften, z.B. mit so seltsamer Thematik wie "Abwasser-Mengenerfassung in Kanälen mit Ei-Profil."

Meine privaten Interessen konzentrierten sich derweil auf Klassische Musik, Jazz, Literatur, Theater und Fernsehspiel.

Wenn das Leben ein Kreislauf ist, dann bin ich heute voll und ganz zu meinen Anfängen zurückgekehrt - zum Schreiben. Anfangs schrieb ich Rezensionen bei amazon.de sowie Kurzgeschichten, Glossen, Gedichte und Kurzkrimis, die in diversen Internet-Foren (ciao.de – Leselupe.de – Schreibbar.de – Opinio.de) erschienen, einige davon unter meinem Nicknamen „Lambertus“. Mit "Peter und Luise" baute ich mir zwei Figuren auf, um die sich inzwischen viele Geschichten ranken.

In mehreren Anthologien erschienen von mir Kurzkrimis, Märchen und andere Kurzgeschichten.

Meine Roman-Protagonistin wurde die Hauptkommissarin Marion Zelenka. Mit ihr erschienen inzwischen drei Romane, die zusammen eine Trilogie bilden.

 

                                    ... und wer mich daran hindern wollte.

 

Späte Rache !

Scheußlicher Alptraum: Ich wieder auf der Penne, - hölzerne, abgestoßene Schulbank.  An der Tafel Deutschlehrer Fleischhauer: “Hefte ‘raus. Wir schreiben einen Aufsatz!” Ich hasste Fleischhauer, und er hasste mich. Aufsätze waren eine der drei Katastrophen meiner Schulzeit, die beiden anderen waren Sport (bei Fleischhauer!) und Latein mit dem Horrortext “De bello gallico” eines gewissen Julius Caesar.

Fleischhauer war der Erfinder des Aufsatzes. Die Themenwahl verriet Intelligenz, Fantasie und Kreativität. Wem sonst könnten Themen einfallen wie “Der Beruf meines Vaters” ; “Die Mutter im Haushalt”; “Mein schönstes Ferien-Erlebnis” oder “Mein Schulweg”. Der Aufsatz bestand aus Einleitung, Mittelteil und Schlussteil, und jeder Abschnitt unterlag den Ausführungsbestimmungen des Herrn Fleischhauer. Verstöße wurden mit Rotstift geahndet, für mich einmal bis zur Versetzungs-Gefährdung.

Ich war früher ein lieber Junge, der alles tat, was er einsehen konnte. Mit den übrigen Vorgaben hatte ich Probleme, was sich bis heute erhalten hat.
  Meine Aufsätze begannen mitten im Geschehen, möglichst mit einem Knaller, und das haute den Fleischhauer jedes Mal um. Bei der Rückgabe der “korrigierten” Klassenarbeiten wurde immer der schlechteste Aufsatz vor der Klasse als erster, der beste dann als zweiter verlesen. Hier war ich mit schöner Regelmäßigkeit der Erste.

Nach diesem Alptraum gelüstet es mich, wieder mal einen Aufsatz zu schreiben, Herr Fleischhauer. Ich wähle einen Titel, dem Ihre Fantasie gewachsen ist. Nur die Ausführung, Herr Fleischhauer - da hab’ ich nichts von Ihnen gelernt, es wird die gleiche Katastrophe wie früher sein. Kaum zu glauben, aber wenigstens ist die folgende Geschichte wahr!

“Mein schönstes Restaurant-Erlebnis”

Tosender Applaus für den großen Dirigenten Günter Wand. Soeben hatte er mit den Berliner Philharmonikern Bruckners Siebte Sinfonie beendet. Ein Konzert-Ereignis, für das es sich gelohnt hatte, nach Berlin zu kommen. Unsere Stimmung hatte etwas Feierliches, als wir noch ganz im Banne des Musik-Erlebens auf die Straße traten. Wir, das waren Luise, Peter, meine bessere Hälfte und ich.

Wir hatten vor, nach dem Konzert in der Nähe eine Kleinigkeit zu essen. Die Philharmonie ist nicht weit vom Potsdamer Platz entfernt, und an so zentraler Stelle gäbe es sicherlich massenhaft gemütliche Lokale, dachten wir. Erst mussten wir uns das “massenhaft” abschminken, dann das “gemütlich”, bis wir schließlich ein Lokal fanden, das zu sooo später Stunde (nach 22:00 h) noch ein paar “snacks” anbot.
 

Wir nahmen Platz an einem kleinen Tisch neben der Wendeltreppe, die in den oberen Bereich führte. Bald kam ein gut gekleideter Kellner an unseren Tisch und fragte verbal korrekt: “Was darf ich Ihnen bringen?” - Zu Tonfall und Mimik hätten allerdings besser die Worte “Watt woll’n sie denn noch haben?” gepasst. Wir bestellten vier Bier und - da für alles andere die Küche schon geschlossen war - das einzig noch mögliche warme Essen, nämlich Tomaten-Suppe. Luise bemerkte dazu, da könne man ja nicht viel falsch machen. Hatte die ‘ne Ahnung!

Es dauerte nicht lange, da wurden uns vier Näpfe serviert mit - na ja -Tomatensuppe und als Sättigungsbeilage einer halben Scheibe nach feiner Leute Art diagonal-geschnittenem, ungetoastetem Toastbrot, frisch und entsprechend labberig.

“Fröhlichen Appetit", meinte Peter mit kläglicher Stimme. Wir begannen, mit dem Löffel in der Suppe herumzurühren, um uns optisch der reichlichen Einlagen zu erfreuen. Der eine fand eine Bohne und ein Stück Tomaten-Paprika, der nächste eine halbe Tortelloni und undefinierbare Fasern, ich zauberte ein Stück Spargel, dann eine Erbsenschote und schließlich jede Menge kleiner halbroher Zwiebelchen hervor. Ein paar Erbslein und Maiskörnchen schwammen putzig an der Oberfläche, die von einem Klecks gesüßter Sahne vom Nachmittagskuchen geziert wurde. Offensichtlich hatten die Leute bei den Einlagen nicht
  gespart. Fisch wurde übrigens nicht gefunden.

Wer essen will, muss den Mut aufbringen, den Löffel zum Mund zu führen. Es schien, als wollte jeder dem anderen den Vortritt lassen. Dies war der Augenblick, in dem ein Stück Andacht aus dem Konzert purer Albernheit zu weichen begann. Wir beschlossen im Unisono den ersten Löffel Suppe zu verkosten. Alle machten mit, was wir uns heute noch gegenseitig hoch anrechnen.

Unbestreitbar, die Suppe hatte Geschmack, eigentümlichen Geschmack, nach Art des Hauses oder nach einer bislang unbekannten exotischen Tomaten-Sorte. Wir rätselten und mutmaßten, wie man eine solche Gaumenqual zustande bringen kann, kamen aber rasch mit Bauchschmerzen vor Lachen zu einem Ergebnis; ich wurde auserkoren, diese Erkenntnis dem Kellner vorzutragen. Immer ich!

Bis zu diesem Abend war ich überzeugt, eine einigermaßen gute Kinderstube genossen zu haben, nach diesem Abend taten sich Zweifel auf. Das kam so: Der Kellner muss Kücheneinblick gehabt haben; denn als er an unseren Tisch trat, verkniff er sich galant die übliche Frage “Schmeckt’s?“ Ich ließ meinen Arm über den Tisch kreisen mit einem anschließenden Seitwärtsruck, was bedeuten sollte, die vollen Suppentröge bitte abzuräumen. Sprechen konnte ich nicht, da ich - von Lachen geschüttelt - es nicht fertig brachte, ein zähes Stück Einlage zwischen meinen Zähnen hinunterzuschlucken.

“Schmeckt’s Ihnen nicht?”

“Nein.“

“Wieso nicht?” Nun hatte er das Schicksal herausgefordert, und ich stand in der Pflicht, das Ergebnis unserer Analyse kundzutun.

“Das ist aufgebrühter Mülleimer!”

Stumm, bis zu den Fußsohlen beleidigt räumte er ab. Wir tranken unser Bier, verlangten die Rechnung und bezahlten - weniger für den Gourmet-Genuss als für den Spaß. Dann kam das Erlebnis, das den finanziellen Aufwand voll rechtfertigte. Gerade als wir uns erheben wollten, kam der Kellner die Wendeltreppe herunter, in der Hand ein Tablett mit zwei Suppentrögen. Er hielt sie uns unter die Nase, verwies auf die sauber leergegessenen Näpfe und keifte: “Da können Sie’s sehen. Den Herrschaften oben hat die Suppe geschmeckt. Haben alles aufgegessen! Alles! - Von wegen Mülleimer!” Sprach’s und verschwand in der Küchen-Grotte.

Vier Menschen, vielleicht die albernsten der Welt, verließen laut lachend, die letzten Worte des Kellners ständig wiederholend und bis ins Groteske variierend das Lokal. - Kopfschüttelnde Passanten. Mein Gott, müssen die sich so betrinken! Wie peinlich – wie peinlich!

Das war er – der Erlebnisaufsatz ...

Ja, Herr Fleischhauer, Sie werden sich nun im Grabe umdrehen und müssen da unten vielleicht gramvoll auf dem Bauch liegen. Späte Rache!  Doch wie oft bin ich Ihretwegen auf den Bauch gefallen?!

Indes, durch Sie habe ich auch lernen müssen, immer wieder aufzustehen. Das hat mir im Leben sehr geholfen. Danke, Herr Fleischhauer, - danke! Sie können sich nun wieder ‘rumdrehen! 

 

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