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Da! Da war es schon wieder, - das seltsame Geräusch unten im Keller. Ein Scheppern, ein leises Tapsen. Dann herrschte wieder absolute Ruhe, in welche die beiden Kinder klopfendes Herzens und mit hochroten Wangen hineinhorchten. Oma im Schaukelstuhl blickte fragend über den Rand ihrer Zeitschrift hervor. Was hatten die Kinder nur? Warum waren sie so verstört? „Aber Oma! Oma, hörst du das denn nicht?!“, fragte Katja besorgt. „Es kommt aus dem Keller – ganz deutlich.“ Das Mädchen war vor wenigen Tagen sieben Jahre alt geworden, ging schon zur Schule. Mama hatte es pickfein gemacht für den Besuch bei der Großmutter, so dass es aussah wie eine kleine Prinzessin. „Da ist jemand im Keller – bestimmt. Oma, sieh doch mal nach - bitte!" „Ach Kinder, das ist nur der Wind. Da knackt es schon mal im Gebälk“, sagte die Oma beruhigend und lächelte milde. „Dies ist ja ein uraltes Fachwerkhaus – wie ihr wisst. Da gibt es Geräusche an allen Ecken und Kanten.“ Der kleine Benny schüttelte langsam den Kopf. Er blickte ängstlich zwischen seiner Schwester und Oma hin und her. Denn auch er hatte die seltsamen Geräusche gehört. Doch ehe er der Oma antworten konnte, drang von unten ein Gerassel an sein Ohr, dann ein Klirren, als sei Glas am Boden zersprungen. Das musste die Oma doch gehört haben, - trotz ihrer Schwerhörigkeit! Aber nein. Die alte Dame nestelte nur an ihrem Hörgerät herum und brummte vor sich hin: „Da sind wohl wieder bald die Batterien leer. Moderner Kram. Mein altes Hörrohr war viel besser.“ Und dann sie stand auf, sah auf die Uhr und meinte: „Ich gehe jetzt mal in die Küche, damit wir heute noch etwas zu essen bekommen. Kinder, geht ihr doch so lange zum Spielen in den Keller.“ „N-e-i-n-!!!“ riefen die beiden entsetzt wie aus einem Munde. Dabei war es für sie bisher immer das Schönste beim Besuch ihrer Oma, wenn sie unten in ihrem Keller in dem alten Plunder herumkramen durften. Da gab es ja auch wirklich die tollsten Sachen; denn die gute Alte hatte in ihrem Leben kaum jemals etwas weggeworfen. Alles, was sie nicht mehr brauchte, landete unten im Keller. Und was gab es da nicht alles, womit man herrlich spielen konnte?! – Eine alte Nähmaschine, einen bunten Wasserkessel und eine rostige Bratpfanne. Dazwischen verbeulte Blechtöpfe, Mausefallen, Wäscheklammern, Blumenvasen, Dosen mit Nägeln und Schrauben und Opas alte Trompete; denn Opa war Musiker gewesen, aber seit vielen Jahren schon im Himmel. Ihm hatte auch das alte Grammophon gehört und auch der komische Notenständer. Und da waren die vielen geheimnisvollen Kisten und Kartons mit seltsamen Schuhen, zerkratzten Ansichtskarten, vergilbten Büchern und angeschlagenem Geschirr. In einem Kästchen lagen ganz viele Schlüssel. Wozu mögen sie wohl mal gepasst haben? – An der Wand stand eine schwere Eichentruhe, vollgestopft mit abgelegten Kleidern, die ganz muffig rochen. Und da gab es alte Gemälde mit Schiffen und den Köpfen bärtiger Seemänner. Einer hatte einen so stechend bösen Blick, dass Katja das Bild nicht ansehen mochte. Sie hatte es auf den Boden geworfen und zertrampelt. Benny spielte hier am liebsten mit alten Fahrradteilen und rostigem Werkzeug. Damit und mit einem Waffeleisen, einem uralten Radio, einem Bügeleisen, einem Wagenrad, leeren Flaschen und vielen Schnüren hatte er sich eine Figur gebastelt, die er stolz seinen „Roboter“ nannte. Katja hatte darüber nur gelacht. Aus ein paar Dachpfannen, Ziegelsteinen, klapprigen Gartenmöbeln und einer Schubkarre hatte sie sich eine eigene kleine Wohnstube eingerichtet. Ein paar Kleider aus der Truhe faltete sie zu kleinen Kissen zusammen, und auch die Schubkarre polsterte sie damit aus. „Das ist mein Bett“, erklärte sie ihrem kleinen Bruder, und nun lachte der, weil das Bett viel zu klein für Katja war. „Wieso – was ist los? – Warum wollt ihr nicht im Keller spielen?“ fragte die Oma verwundert. Das war doch sonst ihr Lieblingsplatz! „Da unten ist jemand. Oder es spukt dort. Ein Gespenst vielleicht. Oder ...“ Katja brach ab, denn wieder drang ein seltsames Geklapper an ihr Ohr. Dann ein jämmerlicher Klagelaut, der sie frösteln ließ. „Vielleicht ist mein Roboter lebendig geworden“, gab Benny zu bedenken. „Doch – doch, so etwas gibt es.“ „Ihr seid ganz große Spinner. Guckt wohl zuviel Fernsehen“, lachte die Oma und ging kopfschüttelnd in die Küche. Sie wohnte allein am Rande der Stadt in einem alten, kleinen Fachwerkhäuschen mit ächzenden Böden und knarrenden Treppen. An Wochenenden im Sommer besuchten ihre Enkelkinder sie des öfteren, und bisher hatten sie sich jedes Mal riesig gefreut auf ihren kleinen Abenteurer-Spielplatz im Keller, wo es immer noch so viel Neues zu entdecken gab: Sachen, die zwar nie als Spielzeug gedacht waren, aber tausendmal schöner als echtes Spielzeug waren. Bald aber würde wieder die kalte und dunkle Jahreszeit beginnen. Dann könnte sie die Kinder lange nicht sehen; denn ihre Eltern fürchteten, sie würden sich leicht erkälten wegen der alten, undichten Fenster, durch die der Wind hindurch pfiff. An solchen Wintertagen saß Oma daher fast den ganzen Tag mit dem Rücken an ihren riesigen Kachelofen gelehnt und las oder schaute zum Fernseher. Doch fast täglich bekam sie Besuch von einem treuen Gast, nämlich von Minky, der grau-getigerten Katze ihrer Nachbarin. Minky schlief dann gern eine Zeitlang auf ihrem Schoß, genoss die Wärme und freute sich auf den leckeren Happen, den Oma stets für sie bereit hielt. Wie mochte es Minky jetzt wohl gehen? – Seit Tagen hatte Oma die Katze nämlich nicht mehr gesehen. Ob sie krank war? Plötzlich kam Benny in die Küche und wollte etwas sagen, traute sich aber wohl nicht so recht. Katja stand an der Tür und raunte ihm zu: „Nun mach schon ...“ „Oma, ich soll dich fragen, ob ...“ Wieder kamen seltsame Geräusche aus dem Keller. Und wieder ertönte auch dieser schauerliche Klagelaut. Katja bekam eine Gänsehaut. „Ich will nach Hause!“, schrie sie mit zitternder Stimme. „Ich auch!“ rief nun auch Benny. Tränen traten in seine Augen. Oma breitete wohlwollend ihre Arme aus und drückte ihre Enkelkinder an sich. „Was habt ihr denn? – Was ist denn nur los mit euch? Ihr schlottert ja vor Angst.“ „Im Keller schleicht jemand herum. Ganz bestimmt.“ „Unsinn. Wer soll denn da unten sein?“ „Klack!“, klang es in diesem Augenblick aus dem Keller, als sei dort etwas umgefallen. Die Kinder erschraken, aber Oma hatte wieder nichts vernommen. „Na schön“, meinte sie schließlich, „wenn es euch beruhigt, dann kann ich ja mal nachsehen. Ich fürchte mich nicht in meinem eigenen Haus.“ „Aber sei vorsichtig“, warnte Katja, während Oma mutig die Kellertreppe hinabstieg. Klopfenden Herzens schauten die Kinder ihr nach und lauschten angestrengt. Doch minutenlang regte sich nichts. Wo blieb die Oma nur? – Warum sagte sie nichts? – Warum kam sie nicht zurück? – Hoffentlich war ihr nichts passiert! Katja glaubte schließlich, ein leises, langgezogenes „Ohhhhhh ...“ zu vernehmen. Was hatte das zu bedeuten? Wieder verging eine Zeit, während der sich im Keller nichts rührte. Den Kindern kam es wie eine Ewigkeit vor. „Oma. Oma, wo bist du?“, rief Katja, als sie die Ungewissheit nicht länger ertragen konnte. „Pssssst ...“, zischte es leise von unten. Mit schlürfenden Schritten kam Oma herauf, blieb aber auf halber Treppe stehen und winkte den Kindern zu, ihr in den Keller zu folgen. Katja schüttelte heftig den Kopf, und Benny wich entsetzt ein paar Schritte zurück. Nein, in diesen Gruselkeller? – Niemals! „Kommt nur“, flüsterte Oma lächelnd. „Aber seid ganz leise. Dann zeige ich euch etwas Wunderschönes.“ Es dauerte noch eine geraume Zeit, ehe die Kinder Vertrauen und Mut fassten, der Oma in den Keller zu folgen. Doch dann leuchteten ihre Augen, und alle Angst war wie weggeblasen. In Katjas „Bettchen“ in der alten Schubkarre lag lang ausgestreckt Minky, umringt von fünf putzigen kleinen Kätzchen, die sie soeben zur Welt gebracht hatte. [Home] Copyright(c) 2007 by Kurt Mühle, Ratingen |
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